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Tanz Signale

Biographien von Johann Strauß Vater und Sohn

von Martin Bjelik

(noch in der früher üblichen, heute überholten Schreibweise mit ß !)

Der 100. Todestag des ,,Walzerkönigs`` Johann Strauß am 3. Juni 1999 bietet für die musikalische Welt Anlaß zu mannigfachen Aktivitäten - weit weniger spektakulär dürfte im selben Jahr das Gedenken an seinen Vater ausfallen, welcher 1849, also vor 150 Jahren starb: Grund genug, um im Folgenden beider Jubilare entsprechend zu gedenken und dabei auch die Geschichte der fast beispiellosen Karriere von Johann Strauß sen. zu beleuchten, der, zu Lebzeiten beinahe ebenso berühmt wie (Jahrzehnte später) sein gleichnamiger Sohn, letzterem ein übermächtiges Erbe hinterließ. Erst nach und nach konnte sich dieser aus dem Schatten des Vaters lösen und den Ruhm des Vorbilds schließlich einholen, ja übertreffen...

Johann Strauß sen. wurde am 14. März 1804 in einem entlegeneren Teil der Wiener Vorstadt Leopoldstadt als Sohn eines Bierwirts geboren. Seine unmittelbaren Vorfahren entstammten vorwiegend dem Raume Wien-Niederösterreich, die erst in den Dreißigerjahren unseres Jahrhunderts von Ahnenforschern entdeckte Herkunft des Großvaters Johann Michael Strauß, eines ,,getaufften Juden`` aus Ungarn sollte bald darauf im NS-``Reichssippenamt`` für Aufregung sorgen (die Angelegenheit wurde schließlich in Form einer veritablen Urkundenfälschung vertuscht!). Das bescheidene Gasthaus, in dem der kleine Johann und seine Schwester Ernestine zunächst aufwuchsen, lag in der Nähe des Donaukanals, unweit eines Anlegeplatzes für Holzflösse, und die Klänge volkstümlicher Weisen, produziert von verschiedenartigsten Musikanten, wie sie - etwa von Schiffen kommend - gerne einzukehren pflegten, mögen bei dem Knaben schon früh Begeisterung für das Genre bodenständiger Tanzmusik erweckt haben. Im übrigen verlief die Jugendzeit wenig erfreulich: die Mutter starb bereits 1811; fünf Jahre später wurde der Vater tot aus der Donau geborgen (ein Selbstmord wegen Verschuldung kann nicht ausgeschlossen werden) - der Halbwüchsige unterzog sich auf Wunsch seines Vormunds einer Buchbinderausbildung, welche er 1822 abschloß. Daneben nahm er aber auch Unterricht im Violinspiel und kam schließlich in der Kapelle des populären Michael Pamer unter, wo er sich mit dem um drei Jahre älteren Geiger Joseph Lanner anfreundete. Dieser gründete in der Folge ein eigenes Terzett, welches in verschiedenen prominenten Wiener Gastbetrieben musizierte - schon bald mit Strauß (an der Viola) als Viertem im Bunde. Der steigende Bekanntheitsgrad des Ensembles (dem auch Schubert im ,,Rebhuhn``, einem seiner Stammcafés, gerne zuhörte) ermöglichte die Hinzunahme weiterer Musiker, bis 1825 der Umfang eines kleinen Orchesters erreicht war, dessen Leitung Lanner innehatte. Die bekannten, immer wieder nachzulesenden Geschichten, wonach Strauß als dessen ,,Stellvertreter`` fungierte und sich, im Gefühl von Benachteiligung, schließlich im Streit von Lanner trennte, müssen nach heutigen Erkenntnissen zumindest als übertrieben, jedenfalls nicht belegbar angesehen werden; dennoch hatte Strauß zweifellos Pläne, sich selbständig zu machen: so beantragte er zu Beginn dieses Jahres einen Reisepaß, der es ihm ermöglicht hätte, ,,in Gratz und kaiserlichen Staaten Verdienst zu suchen``. Bald darauf eröffnete ihm seine Freundin, die Gastwirtstochter Anna Streim, daß sie von ihm ein Kind erwarte - nach der (beschleunigten) Hochzeit im Juli kam am 25. Oktober 1825 Johann zur Welt.

Das junge Paar war zunächst mit existentiellen Problemen konfrontiert, so wurde etwa alle zwei Jahre ein Wohnungswechsel notwendig. Im Mai 1827 - ein paar Monate vor der Geburt des zweiten Sohnes, Joseph - wurden in der ,,Wiener Zeitung`` erstmals Konzerte Strauß' mit eigener Kapelle angekündigt, im Februar waren bereits dessen ,,Döblinger-Reunion-Walzer`` bei Diabelli erschienen (der schon zwei Jahre zuvor erste Lanner'sche Werke veröffentlicht hatte). Von nun an wurde das breitgefächerte Angebot der Wiener Vergnügungsszene durch beider Programme bereichert, wobei die Wettbewerbssituation deren Freundschaft auf die Dauer kaum Abbruch tat - zu groß war (vom Typus her) wohl auch der Unterschied zwischen dem eher gutmütig-phlegmatischen Lanner und seinem nervösen, von brennendem Ehrgeiz erfüllten Konkurrenten! Die Hektik, der Erwartungszwang, dem damals ein erfolgreicher Tanzkapellmeister - seinem Publikum unablässig neue Kompositionen ,,schuldend`` - ausgesetzt war, läßt sich heute nur schwer nachvollziehen; eine Auflistung Max Schönherrs faßt die Aktivitäten Strauß' und seiner Kapelle im Jahre 1833 zusammen: ,,Im Fasching: Leitung der Tanzmusik beim Sperl. Ab Januar bis 25. März. Donnerstag Nachmittags-Unterhaltung in Wagners Kaffeehaus im Prater. - 10. März bis 11. April. Sonntag Conversation beim Sperl. - 2. Mai bis 25. Juni. Wiederholt Feste im Tivoli. - 7. Mai bis 15. Oktober. Dienstag Nachmittags-Unterhaltung im Augarten. - 15. Mai bis 14. September. Mittwoch und Samstag Abend-Assemblée beim Sperl. - 4. Juli bis 20. Oktober. Donnerstag Reunion, Samstag Nachmittags-Unterhaltung beim Dommayer. - 20. Oktober bis 3. November. Sonntag öffentlicher Ball beim Sperl. - 20. Oktober bis 3. November. Sonntag Nachmittags-Unterhaltung im Augarten``.

Anschließend unternahm Strauß mit seinen Musikern eine Konzertreise, die ins ungarische Pest führte; nach seiner Rückkehr bezog die Familie eine ausreichend geräumige, ein ganzes Stockwerk umfassende Wohnung im ,,Hirschenhaus`` in der Leopoldstadt - dort befand sich der Vater ,,in einem besonderen Appartement, abgesondert von der Familie... dadurch kam es, daß er selten eine Ahnung hatte, was in der Familie drüben geschah.`` Beziehen sich diese Erinnerungen seines Sohnes Johann auch auf berufsbedingte Gegebenheiten, so ist doch nicht zu bezweifeln, daß sich die Ehe seiner Eltern damals bereits in einem problematischen Stadium befand.

Das Echo, welches die erste Tournee in in- und ausländischen Zeitungen gefunden hatte, ermunterte Strauß, diesbezügliche Planungen zu intensivieren, sodaß er schließlich im November 1834 mit 30 Musikern erneut auf Fahrt gehen konnte; das Ziel war zunächst Berlin, wo Strauß mehrere Konzerte und Bälle mit überwältigendem Erfolg absolvierte, zuletzt einen Abend im Prinzenpalais in Anwesenheit des Königs von Preußen und des russischen Zaren. Ebenso erfreulich verliefen Konzerte in Leipzig, Dresden - wo der sächsische Hof zugegen war - und Prag; den in Wien nach seiner Rückkehr begeistert Gefeierten erwarteten im neuen Jahr Komplikationen besonderer Art: zwei Monate, nachdem Anna im März 1835 ihr sechstes Kind, Eduard, geboren hatte, brachte eine 21-jährige Modistin, Emilie Trambusch, eine Tochter zur Welt, zu der sich Strauß als Vater bekannte. Die familiären Spannungen eskalierten, zumal dieser sein Verhältnis zu Emilie (sie sollte ihm insgesamt sieben Kinder schenken!) beibehielt, aber bis 1846 weiter im ,,Hirschenhaus`` wohnte.

In der folgenden Zeit forcierte Strauß seine Reisetätigkeit mit gesteigerter Unrast, so, als wollte er sich durch ,,Flucht`` der tristen häuslichen Situation entziehen, von der sein Ältester später meinte, ,,er wisse von seiner Jugend so wenig Gutes zu sagen, daß er am liebsten davon schweigen möchte``... Auf zwei mehrmonatigen Tourneen durch Deutschland, Holland und Belgien erwiesen sich Strauß und seine Kapelle bereits als Kulturfaktoren von hohem Bekanntheitsgrad: ,,Strauß ist da! Strauß von Wien!`` hieß es da (laut Zeitungsberichten) in den großen Städten wie ,,Lauffeuer``, der Beifall war ,,oft bis zum Rasen``. In der Beschreibung der Darbietungen ist von ,,Bizarrerien`` und ,,dämonischer Gewalt`` die Rede, von ,,eigensinnig fein zugespitzten Druckern und Akzenten`` in seinen Walzern, denen Strauß (,,als Violinist...bizarr``) durch ,,klare schneidende Bogenstriche scharfe Lichter`` aufsetzte. Ähnliches berichtete später Richard Wagner, dem von einem Wienaufenthalte im Jahre 1832 her ,,die an Raserei grenzende Begeisterung des wunderlichen Johann Strauß``, dieses ,,Dämonen des musikalischen Volksgeistes ...unvergeßlich blieb...``

Im Oktober 1837 startete dieser seine abenteuerlichste Reise: sie sollte über 14 Monate dauern und führte zunächst nach Paris: unter den Zuhörern befanden sich Komponisten wie Adam, Auber, Berlioz, Cherubini, Meyerbeer und Paganini. Die Strapazen dieser Tournee, die sich in der Folge über Belgien und Holland nach London (wo bei der Krönung von Königin Viktoria musiziert wurde!), dann zurück nach Frankreich und abermals nach England ausweitete, sind kaum vorstellbar - Strauß, dessen gutherzige Gesinnung sich häufig hinter seiner schroff-herrischen Art verbarg, war - wie immer - während der Reise in (auch finanziell) großzügigster Form um das Wohl seiner Musiker bemüht; dennoch kam es im Zusammenhang mit den England-Gastspielen zu schwerwiegenden Differenzen, die nur mit Mühe beigelegt werden konnten. Als die Heimfahrt unmittelbar bevorstand, brach Strauß während eines Konzerts in Calais zusammen. Unter großen Erschwernissen nach Wien zurückgekehrt, schonte er sich dort nicht lange, was einen neuerlichen Zusammenbruch und lebensbedrohliche Erkrankung nach sich zog: nur schleppend erholte sich Strauß von der schweren Krise und war in den nächsten Jahren in erster Linie in seiner Heimatstadt tätig, wo er und Lanner auf dem musikalischen Sektor alsbald uneingeschränkt dominierten. Des letzteren plötzlicher Tod (1843) erschütterte Strauß tief; während in Musikerkreisen über die Nachfolge bei der verwaisten Lanner-Kapelle diskutiert wurde, mußte er entdecken, daß sein Sohn Johann heimlich Violinunterricht nahm, um sich auf die Musikerlaufbahn vorzubereiten. Es gab, so berichtet jener, ,,eine heftige...Szene. Mein Vater wollte von meinen Plänen durchaus nichts wissen.`` Das Verbot zeigte indessen keine Wirkung; die Mutter, welche des Sohnes Pläne vehement unterstützte, reichte die Scheidung ein, um ein etwaiges Veto des Vaters beim Magistrat zu umgehen: am 15. Oktober 1844 erfolgte das berühmte Debut von Johann Strauß Sohn beim Dommayer.

Über die starrsinnige Haltung des Vaters ist viel geschrieben worden - es scheint jedoch denkbar, daß nicht so sehr Eifersucht, als vielmehr Sorge um die Zukunft des Sohnes, dessen Begabung er nicht vorausahnte, seine Reaktionen beeinflußte...

Nun gab es also zwei Strauß-Kapellen in Wien, wodurch in der Folge allerdings des Vaters überragende Position nicht beeinträchtigt wurde; der Wirkungsbereich des Sohnes schien sich hingegen nach Anfangserfolgen in eine Art ,,Mittelfeld`` zu verlagern - im Sturmjahr 1848 musizierte dieser übrigens mit seinem Ensemble in Lokalitäten revolutionärer Gruppierungen, während der ,,Ältere`` (welcher den ,,Radetzkymarsch`` der k. k. Armee widmete) im wesentlichen seine kaisertreue Gesinnung beibehielt. Im März 1849 startete der Vater seine letzte europäische Tournee: nach Zwischenfällen in Deutschland, wo er von Studenten als ,,Reaktionär`` beschimpft wurde, kam es in England zu einem bewegenden Treffen mit Metternich, der 1848 ins Londoner Exil geflüchtet war.

Zweieinhalb Monate nach der Rückkehr nach Wien starb Strauß völlig überraschend an einer Scharlachinfektion; Emilie Trambusch verließ die gemeinsame Wohnung mit den Kindern in Panik - deprimierend wie die Umstände des Todes waren auch die folgenden Erbstreitigkeiten, da die Kinder aus der Ehe mit Anna testamentarisch auf den Pflichtteil eingeschränkt worden waren.

In berührenden Nachrufen wiesen Berlioz (Paris) und Hanslick in Wien insbesondere auf die Bedeutung des Komponisten hin - und in der Tat wäre das Oeuvre der Söhne Johann und Joseph, die später mit ihren Werken den Namen des Vaters einigermaßen in Vergessenheit geraten ließen, ohne die Vorbildwirkung des Schöpfers von Walzern wie etwa ,,Donaulieder``, ,,Loreley-Rheinklänge`` oder ,,Die Schwalben`` schwer denkbar.

Schon bald nach Strauß' Tod fiel innerhalb seiner Kapelle die Entscheidung, den Sohn mit der Leitung zu betrauen, wodurch dessen Tätigkeit schlagartig eine andere Dimension annahm: bereits im anschließenden Fasching bespielte er einige große Säle, die bisher dem Vater vorbehalten gewesen waren. Dem nunmehr einsetzenden Streß war der junge Mann physisch nicht lange gewachsen; bald kam es zum ersten Kollaps. Auch die kompositorische Beanspruchung nahm zu (ein Vertrag mit dem angesehenen Verleger Haslinger verpflichtete ihn jährlich zu ,,nicht weniger als fünf und nicht mehr als acht Parthien Walzer`` und ebenso zu 3 - 5 Quadrillen, 3 - 5 Polkas und 2 - 4 Märschen!); als sich Krankheitsschübe häuften und das ,,Geschäft`` ernstlich gefährdet schien, wurde Bruder Joseph zum ,,Ersatzmann`` bestimmt: dieser, hochmusikalisch, jedoch als Bautechniker tätig, fügte sich zunächst nur widerwillig dem Wunsch der Familie - das Ergebnis seines allmählichen ,,Sinnenwandels`` ist bekannt: ein fast 300 Stücke umfassendes, den Schöpfungen des Bruders an Genialität ebenbürtiges Lebenswerk (geschaffen von einem Frühvollendeten, der noch weniger als Johann dem zermürbenden Musikbetrieb gewachsen war!).

Die Einbeziehung Josephs in das Konzept der - in Briefen gelegentlich so benannten - ,,Firma`` Strauß erwies sich als zielführend: Johann erholte sich allmählich gesundheitlich, und der Führungsanspruch der von ihm (nun mit Unterstützung Josephs - und später auch Eduards) geleiteten Kapelle blieb weiterhin unangefochten, wobei die Planung des Ganzen alsbald noch komplizierter wurde, da Johann für 1856 einen Vertrag abschloß, der ihn - bei Fortbestand des Wiener Betriebs - für eine fünfmonatige Saison ins russische Pawlowsk verpflichtete. Dieses ebenso erfolgreiche wie lukrative Sommerengagement dauerte - immer wieder verlängert - zunächst bis 1865 und bewirkte einen beachtlichen Reifungsprozeß in den ,,russischen`` Stücken des damals ungewöhnlich sensibilisierten Komponisten; es kam aber auch zu schwerwiegenden Differenzen mit Joseph, der sich zu Recht immer wieder von Johann ,,ausgenützt`` fühlte. 1862 verehelichte sich dieser mit der Sängerin Jetty Treffz; der klugen und lebenserfahrenen Frau - sie war zu dieser Zeit bereits Mutter von sieben Kindern, ohne je verheiratet gewesen zu sein! - gelang es bald, Beruhigung in die hektischen Lebensumstände ihres (damals wieder bedenklich kranken) Gatten zu bringen: so wurde einem erneuten - offensichtlich von ihr mitformulierten - Ansuchen um den Titel eines k. k. Hofballmusikdirektors unverzüglich stattgegeben, nachdem vorher zwei ,,Anläufe`` insbesondere wegen Strauß' Haltung im Jahre 1848 gescheitert waren. Die Folgen dieser Ernennung für den Komponisten waren bedeutsam; mit der dabei eingegangenen Verpflichtung, in Wien nur mehr bei Elitebällen sowie im k. k. Volksgarten aufzutreten, war ihm endlich die Möglichkeit gegeben, sich in ausreichendem Maße dem Schaffen zu widmen. Strauß, welcher die Leitung der Kapelle an seine beiden Brüder abgab, schrieb in den nächsten Jahren einen Großteil seiner bis heute berühmten Tanzkompositionen, wie die Walzer ,,Morgenblätter``, ,,Wiener Bonbons``, ,,An der schönen blauen Donau``, ,,Künstlerleben``, ,,Geschichten aus dem Wienerwald``, ,,Wein, Weib, Gesang``, ,,Freuet Euch des Lebens``, Polkas wie ,,Vergnügungszug``, ,,Leichtes Blut``, ,,Unter Donner und Blitz``, ,,Eljen a Magyar!``, ,,Im Krapfenwaldl``, ...

Im Jahre 1871 erlebte dann die Operette ,,Indigo und die 40 Räuber`` unter allen Anzeichen einer Sensation im Theater an der Wien ihre Premiere. Die (wohl von finanziellen Erwägungen mitbestimmte) Entscheidung, sich dem dramatischen Genre zuzuwenden, führte von Anfang an auch zu kritischen Reaktionen: die völlige Unerfahrenheit Strauß' auf diesem Gebiet (welche mancherlei ,,Mithilfe`` notwendig machte) zeigte sich nicht nur bei diesem ,,Erstling``, den Hanslick als ,,Tanzmusik mit unterlegtem Text`` bezeichnete. Vor allem kam (von wenigen Ausnahmen, wie etwa dem Walzer ,,Wiener Blut`` abgesehen) die bereits auf hohem Niveau befindliche Produktion ,,absoluter`` Tanzmusik bis in die späten Achtzigerjahre fast ganz zum Erliegen - an ihre Stelle traten zahllose ,,Tänze nach Motiven`` der jeweiligen Bühnenwerke, deren musikalisches Material darin nochmals vermarktet wurde. Dennoch ereignete sich 1873/74 das Wunder der ,,Fledermaus``, deren Musik Strauß, ,,enflammiert``, wie sonst in keinem Falle mehr, in kurzer Zeit aufs Papier warf. Dieser Höhenflug konnte in den nächsten Werken nicht beibehalten werden; erst ,,Der lustige Krieg`` von 1881 erwies sich wieder als Publikumsschlager. Die folgende ,,Nacht in Venedig`` hat ihre Geschichte: 1878 war Jetty plötzlich gestorben; bereits sieben Wochen später heiratete Strauß eine blutjunge Sängerin, die ihn jedoch nach einiger Zeit ausgerechnet mit dem Direktor des Theaters an der Wien betrog. Der entnervte Komponist reichte die Scheidung ein und dirigierte die Premiere dieser Operette (1883) nicht an dieser Bühne, sondern (einer Einladung folgend) in Berlin, wo das alberne Textbuch prompt einen Theaterskandal hervorrief... Der ,,Zigeunerbaron`` von 1885, sein zweiter (und letzter) Bühnenerfolg von Weltrang, entstand bereits im ,,Einflußbereich`` Adeles, seiner späteren dritten Frau, welche - beinahe 30 Jahre jünger als er -, attraktiv und zielstrebig, zuletzt in zunehmendem Maße die ,,Agenden`` des alternden Meisters zu übernehmen wußte. Auch gehörte sie zu den Befürwortern von Strauß' ebenso ehrgeiziger wie verfehlter Idee, eine Oper zu komponieren; als ,,Ritter Pásmán`` nach mühseliger, dreijähriger Arbeit 1892 einen verschleierten Mißerfolg erzielte, kehrte der Komponist mißmutig zum ,,Geschäft`` Operette zurück. Von den letzten vier vor seinem Tode (1899) geschriebenen Werken sei immerhin ,,Waldmeister`` erwähnt - das eigentliche künstlerische Resümee seiner Altersperiode stellen aber wohl einige Walzer großen Formats dar, die er im Verlauf des letzten Jahrzehnts, seiner eigentlichen Domäne eingedenk (und unbeirrt von Kalamitäten der Bühnenproduktion) niederschrieb: Werke wie ,,Kaiserwalzer``, ,,Märchen aus dem Orient`` oder ,,Seid umschlungen, Millionen`` bilden ein bewegendes Vermächtnis des ,,späten`` Strauß.

Martin Bjelik, geboren 1940 in Wien, ist Paukist im N. Ö. Tonkünstlerorchester und Mitglied des Wiener Instituts für Strauß-Forschung. Er absolvierte das Lehramt für Musik und Geschichte und war Kompositionsschüler von Karl Schiske und Gottfried von Einem.