EJSF
Tanz Signale


Tanz-Signale 2018

Johann Strauss (Sohn):
„Ich scheiße auf alle Professoren der Tonkunstlehre.“

(Brief an Gustav Lewy, 10. Juni 1892)
Wie komponierte er wirklich?

Vier Jahre Arbeit an der Oper Ritter Pásmán – ein halbes Jahr später Strauss’ Resümee: „Aber mein Gott, habe ich doch für Pasman so viele Noten schreiben müssen um schließlich zur Einsicht zu gelangen weniger Noten hätten zum selben Resultat geführt.“ (Brief an Josef Priester, 25. Juli 1892). Den Misserfolg ertrug er, die Kritik der Tagespresse ärgerte und verletzte ihn, insbesondere jene des österreichischen „Kritikerpapstes“ Eduard Hanslick. Daher ist sein Wutausbruch verständlich: „Ich scheiße auf alle Professoren der Tonkunstlehre.“

„Fertig der Schmarren[,] gelobt sei der Himmel[,] an dieser Arbeit ist er mir nicht beigestanden[.] Halle Luja! Amen. 1/2 1 Uhr Mitternacht.“, notierte Johann Strauss (Sohn) am Ende der Introduktion zum Walzer Phänomene, op. 193. Viele Korrekturen lassen erkennen, dass ihm die Arbeit wirklich nicht leicht fiel, – „obgleich er der flinkeste Instrumentator war“, wie Bruder Eduard Strauss in seinen „Erinnerungen“ (1906) überlieferte. Wie ist diese Diskrepanz zu erklären, zumal Eduards Partituren weitaus weniger Ausbesserungen enthalten als jene Johanns?

Wie komponierte Johann wirklich? Die Erfindung von Melodien stand wohl im Vordergrund: „Es musste einem was einfallen“, kokettierte er 1887 im Vorwort zur Gesamtausgabe der Werke seines Vaters. „Und merkwürdigerweise fiel Einem auch immer was ein.“ Wie ist dieser „Einfall“ zu verstehen, was alles beinhaltete er? Eine Melodie bedarf der Harmonisierung, rhythmischen Zuspitzung und Instrumentierung. Lässt sich Strauss’ Kompositionsweise formulieren? Das Anlegen umfangreicher Melodiensammlungen, falls der „Einfall“ einmal ausblieb, wurde als Betriebsgeheimnis nach außen hin verschwiegen. Tempo und Charakter einer Melodie mussten dem jeweiligen Tanz entsprechen (1895). Vor melodischen Anleihen bei anderen Komponisten scheute er nicht zurück: Wie ging er dabei vor? War es Zitat oder Diebstahl? Hatte er das Nachahmen berühmter Vorbilder nötig?

Musikzitate erfreuten sich großer Beliebtheit. Mit ausgewählten musikalischen Anklängen an Bekanntes konnte Strauss einem außermusikalischen Bezug entsprechen. Dabei entwickelte er phänomenale Instrumentationstechniken und analysierte präzise die typischen Erkennungsmerkmale einer Melodie. Das Wissen darum ging verloren. Rufen wir es in Erinnerung um die Zitate zu erkennen und auch wieder zu Gehör zu bringen. Andernfalls überhören wir österreichische und europäische Geschichte in Musik!

Tanzmusik ist an formale Abläufe gebunden, seien diese nun rein musikalischer Struktur oder von der Choreographie eines Tanzes vorgegeben. Johann Strauss (Sohn) sah bei der Feier seines 50-jährigen Künstlerjubiläums (1894) sein hauptsächliches Verdienst in der Erweiterung der Formen. Introduktion und Coda eines Walzers legte er ausgedehnter an als früher, beim Themenaufbau löste er sich vom überlieferten achtaktigen Korsett.

Wesentlichen Anteil an der Komposition eines Werkes für Orchester hat die Instrumentierung. „Instrumentation läßt sich nicht in kurzer Zeit sondern nur durch Erfahrung lernen“, schrieb Strauss an Gustav Lewy (Brief vom 10. Juni 1892). Tatsächlich hatte er erst in der Praxisausübung unter Mithilfe von Musikern seines Orchesters instrumentieren gelernt. Entwickelte er einen persönlichen Stil, der sich von jenem anderer Tanzmusik- und Operetten-Komponisten unterschied?

15 Jahre Tanz-Signale zeigen, dass zunehmende Kenntnis sowohl der Genese als auch aller außermusikalischen Bezüge der Kompositionen von Johann Strauss (Sohn) spannende neue Interpretationen dieser Musik mit sich bringen und zukünftig vermehrt erwarten lassen.
Norbert Rubey

-> zum Programm hier!

 

Bericht (abgefasst Ende Juni 2018):

Ein reißerisches Briefzitat von Johann Strauss (Sohn), „Ich scheiße auf alle Professoren der Tonkunstlehre“, als Neugierde erweckenden Aufhänger nehmend, wurde bei den „Tanz-Signalen 2018“ vor allem der Frage nachgegangen, wie Johann Strauss (Sohn) komponierte, sei es Tanzmusik oder seien es Bühnenwerke. Die verschiedenen Parameter einer Komposition analysierend, vom ersten melodischen Einfall über die formale Gestaltung, die Instrumentation, Musikzitate, Libretto-Behandlung bis hin zu Einflüssen anderer Komponisten.

Ziel war es, allein schon aus der Anlage einer Komposition Hinweise für eine authentische Interpretation zu erlangen. Tempo-Wahl, Phrasierung, Agogik, das Erkennen von Musikzitaten sind nur einige, aber wesentliche Aspekte für am Original orientierte Aufführungen oder kritischer Notenausgaben Strauss’scher Werke. Auch der Problematik von Bearbeitungen Strauss’scher Werke wurde nachgegangen, indem dem Original das Arrangement gegenübergestellt wurde. In all dieser Hinsicht blickt die Welt auf Wien, erwartet zurecht neue Impulse, wie nicht zuletzt auch die rege Teilnahme von ausländischen Gästen, Musikwissenschaftlern, Musikern und Dirigenten an den verschiedenen Veranstaltungen der „Tanz-Signale“ immer wieder beweist.

Das Wiener Institut für Strauss-Forschung schätzt sich glücklich, mit den „Tanz-Signalen 2018“ Strauss-Forschung, wie sie in die heutige und zukünftige Musikpraxis einfließen muss, auch auf universitärer Ebene vermitteln zu können. Kooperationspartner waren alle drei in Wien ansässigen, Musik lehrenden Universitäten: Das musikwissenschaftliche Institut der Universität Wien, die mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, die Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) sowie die wissenschaftlich orientierte Wienbibliothek im Rathaus, welche die weltweit größte Strauss-Sammlung aufbewahrt. Darüber hinaus waren die Universität Graz, das Mozarteum Salzburg und die Universität Duisburg/Essen durch Referenten vertreten.

Norbert Rubey