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  • Dr. Thomas Aigner: Seit wann kennen wir den Begriff „Walzer“?

    Norbert Linke hat 2014 anlässlich der Besprechung eines Konferenzberichts aufgedeckt: „In keinem Symposiumsbeitrag ist vermeldet, was im ‚Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm‘, 13. Band (Leipzig 1922) zu finden ist: dass Friedrich Schiller der erste war, der 1781 den Begriff ‚Walzer‘ in die öffentliche deutsche Sprache eingeführt hat. In der Ballade ‚Eberhard der Greiner‘ heißt es: ‚…und Weib und Kind im Rundgesang / beim Walzer und beim Becherklang / lustfeiern unser Glück.‘ Zahlreiche schwäbische Volkslieder als Walzerlieder unterstreichen zudem die Herkunft des ‚Walzers‘ aus Schwaben.“ Linkes Entdeckung wurde auch in den Wikipedia-Eintrag „Walzer (Musik)“ aufgenommen.

     

    Nun hat sich in einem Brief des Darmstädter Herausgebers, Redakteurs und Naturforschers Johann Heinrich Merck an seine Frau Louise vom 27. Februar 1774 folgender Passus gefunden: „Madame Filgus danse fort joliment les alemandes nommés Waltzer, ou la Dame et le Cavalier se serrent de fort près, quoiquil ny a pas dix mois qu’elle a enterré sa chère Moitié“. Auf Deutsch übersetzt lautet der Text: „Frau Filgus tanzt sehr hübsch die deutschen Tänze namens Walzer, bei denen die Dame und der Herr sich sehr nah aneinanderdrücken, obwohl es nicht einmal zehn Monate her ist, seit sie ihre liebe Hälfte beerdigt hat.“

     

    Besagte Catharina Elisabeth Filgus, Tochter des Fürstlich Hessen-Darmstädtischen Leibmedikus Johann Wilhelm Hesse, war in erster Ehe mit dem Stadt-Syndikus, Advokaten und Prokurator Johann Ludwig Wilhelm Filgus verheiratet. Im gegebenen Zusammenhang interessiert die Tatsache, dass durch die Briefstelle bereits die enge Tanzhaltung des Walzers dokumentiert ist, die auszuführen zumindest für eine Witwe vor Ablauf des Trauerjahrs als anstößig gegolten hat. Auch liegt Darmstadt nicht in Schwaben, sondern 150 bis 200 Kilometer weiter nördlich in Hessen. Das Entstehungsgebiet des Walzers ist somit auf den größeren südwestdeutschen Raum auszudehnen.

     

    Quellen:

    Norbert Linke: Zur Frühgeschichte des Walzers – Symposiumsbericht von Thomas Nußbaumer & Franz Gratl (Hrsg.). Erschienen 2014 im Universitätsverlag Wagner Innsbruck. Buchbesprechung. In: Neues Leben. Mitteilungsblatt Heft 47 (2014, Nr. 3) der Deutschen Johann Strauss Gesellschaft e. V., S. 87 ff., hier S. 88.

    Johann Heinrich Merck. Briefwechsel. Herausgegeben von Ulrike Leuschner in Verbindung mit Julia Bohnengel, Yvonne Hoffmann und Amélie Krebs. Band 1, Göttingen: Wallstein 2007, S. 127, 473, 476.

    Dr. Thomas Aigner