Durch’s Telephon
Diesen Titel trägt eine Polka (op. 439), die Johann Strauss (Sohn) für den Concordiaball 1890 komponiert hat. Wer sich in Franz Mailers Kommentiertem Werkverzeichnis (Wien 1999) oder auf Wikipedia über dieses Werk informiert, erfährt, dass bereits 1883 anlässlich der Internationalen Electrischen Ausstellung in Wien eine Vorstellung der Verdi-Oper Aida aus der Hofoper telefonisch in die Rotunde übertragen wurde.
Nicht bekannt war bislang hingegen, dass auch die Telefonübertragung eines Konzerts der Strauss-Kapelle aus dem Musikverein vorgesehen war. In einem Brief vom 23. Juni 1883 (Sammlung Sophie von Todesco, Wienbibliothek im Rathaus, ZPH 1749) berichtet Eduard Strauss einem leitenden Funktionär der Gesellschaft der Musikfreunde, wahrscheinlich dem Generalsekretär Leopold Alexander Zellner, vom Stand der Verhandlungen mit „den Franzosen“ über ein solches Vorhaben. Hintergrund war die 1881 in Paris erstmals vorgestellte Erfindung des Theatrophons durch Clément Ader. Damit gelang die stereophone(!) Übertragung von Aufführungen aus der Opéra Garnier mittels einer Telefonleitung. Im Folgejahr wurde das System in München präsentiert; 1883 war Wien an der Reihe.
Knackpunkt der geplanten Übertragung eines Strauss-Konzerts aus dem Musikverein war – wenig überraschend – die Aufteilung der Kosten zwischen der französischen Seite, der Ausstellungsdirektion und der Gesellschaft der Musikfreunde gemeinsam mit Eduard Strauss. Konkret wurde man sich über die Übernahme der auf 3000 fl geschätzten Kosten für die Errichtung der Telefonleitung zwischen dem Musikverein und der Rotunde nicht einig. Weitere Dokumente zu diesem Projekt, das niemals an die Öffentlichkeit gelangte, sind derzeit nicht bekannt.
Die Gesellschaft der Musikfreunde konnte wegen der Sanierung ihres in finanzielle Nöte geratenen Konservatoriums keine großen Zugeständnisse machen. Somit blieb es, ob ersatzweise oder von Anfang an vorgesehen, bei der Übertragung aus der Hofoper. Eine Rolle bei den Verhandlungen könnte Leopold Freiherr von Hofmann gespielt haben, der nicht nur Generalintendant der Wiener Hoftheater, sondern auch Präsident der Gesellschaft der Musikfreunde war.
Der oben erwähnte Brief zeigt trotz des letzlichen Scheiterns des Projekts mit dem Musikverein, wie aufgeschlossen Eduard Strauss gegenüber Neuem war.
Dr. Thomas Aigner
