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  • Gedanken zum Neujahrskonzert 2023 von Prof. Norbert Rubey
    von Dr. Eduard Strauss
    3. Januar 2023

    Josef Strauss

    Programm Neujahrskonzert 2023 c. Kronen-Zeitung

    Gedanken zum Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2023

    .)  Gewiss das beste Neujahrskonzert seit Karajan, Kleiber und Jansons! Vor allem die Walzer, hochmusikalisch von Welser-Möst angelegt und dirigiert, dessen präzise Anweisungen vom Orchester sichtbar gerne und spontan umgesetzt werden! Welser-Möst hat sich wohl sehr gut vorbereitet! Als Österreicher ist er mit dem ¾-Takt aufgewachsen!

    .)  Positiv auffallend die Verjüngung des Orchesters! Erfrischend jung – tradierte und eingefahrene Bahnen brechend – auch in der Programmgestaltung mit dem Dirigenten!

    .)  Sehr erfreulich, dass sich nun auch alle Frauen im Orchester wohlfühlen. Diesmal wirklich alle großartig!

    .)  Bewundernswert die absolut saubere Intonation aller Blechbläser! Welcher Fortschritt im Instrumentenbau, aber natürlich auch in der Ausbildung und Qualifikation der Musiker!

    .)  Großartig – endlich ein profunder Bass und eine präzise und dynamisch nachschlagende Begleitung, auf der eine Melodie aufbauen kann!!! Dass die große Trommel manchmal die Kontrabässe übertönt, ist verkraftbar.

     

    Ad 3) Johann Strauss (Sohn), Zigeunerbaron-Quadrille – Welser-Möst kennt nicht die Choreographie einer Quadrille, welche Schritte auszuführen sind! Großteils zu schnell! Zwischen den einzelnen Abschnitten gehören kleine Zäsuren – beispielsweise geht es absolut nicht, dass „Poule“ nahtlos auf Été gespielt wird, auch wenn es sich um eine konzertante Aufführung handelt! Stellen wir uns solche Leierkasten-Interpretation doch bei den Sätzen einer klassischen Symphonie vor! Eine Quadrille ist kein bravouröses Konzertstück sondern immer noch Tanzmusik, oft von einem „Tanzmeister“ einstudiert und zwischen den Abschnitten sogar angesagt, wie es Prof Dr. Eduard Strauss bei seinen Moderationen zu tun pflegt, wenn es ihm ermöglicht wird! Das Publikum dankt wohl für einen phänomenalen Vortrag, doch die Interpretation einer Quadrille bleibt den Hörerinnen und Hörern diesmal genau so verborgen wie dem Orchester und dem Dirigenten.

     

    Ad 4) C. M. Ziehrer, In lauschiger Nacht – sehr bescheiden und unwissend kündigt die wirklich hervorragende Moderatorin Theresa Vogl diese Walzer im ORF an. Bei ihrer nächsten Moderation biete ich Frau Vogl kollegial meine Beratung an!

    In Walzer Nr. 1 wird das erste Thema aus Walzer Nr. 1 von Johann Strauss (Sohn)’ Walzern Spiralen, op. 209 zitiert! Warum wohl? Am 3. Juni 1899 starb Johann Strauss (Sohn). Ziehrer reagierte auf die Todesnachricht spontan in seinem Konzert am selben Tag und veranstaltete dann am 24. Juni in „Venedig in Wien“ eine Gedenkfeier für Strauss. Am 29. Juli wurde Ziehrers Operette Die Landstreicher ebendort uraufgeführt. Der Hauptschlager war der Refrain „Sei gepriesen, du lauschige Nacht“ – nach Strauss’ erster Walzer-Melodie aus Spiralen – nämlich im Lied aus dem ersten Finale „Wenn im Lenz die jungen Rosen“. Am Schluss der Coda von Ziehrers Walzer-Arrangement nach Melodien seiner Operette wird Strauss’ Melodie wiederholt und leitet über eine kurze Stretta zu einem leisen Hornsignal über, das wohl an JSS’ Ableben erinnern will. Die Erstaufführung war am 12. Oktober 1899. Ist das nicht Musik- und Kulturgeschichte abseits von seichter Schönmalerei, wie zu hören und zu lesen in allen Medien? Durchaus in knapp einer Minute vermittelbar? Warum nicht?

    Die Programmgestaltung betreffend hätten Johann Strauss (Sohn)’ Walzer Spiralen und Ziehrers Walzer In lauschiger Nacht gegenübergestellt gehört – und dazu die obige Erklärung gegeben!! Wäre das doch ein Knüller gewesen?!

     

    Ad 6)  Franz von Suppè, Ouvertüre zur Operette Isabella. Programmverfehlung!! Ins Programm aufgenommen wegen einiger Solostellen für Orchestermusiker?? Kaum jemand kennt noch die einaktige Operette Isabella, uraufgeführt am 5. November 1869 im Carl-Theater in Wien. Zweifelsohne ist die Ouvertüre gediegene Kapellmeisterarbeit, mehr aber auch nicht. Isoliert steht ein Musikstück da, das zu einer musiktheatralischen Handlung einleitet. Den Zuhörern fehlt zufolge heutiger Unkenntnis allerdings jeder Bezug zu diesem Musiktheaterstück, um den musikalischen Inhalt der Ouvertüre zu verstehen! Ganz anders die Ouvertüre zur Fledermaus, ein Potpourri aus Melodien der Operette, ist durchaus konzertant aufführbar, sind alle Themen doch bekannt. Von der hohen kompositorischen Qualität her beispielsweise auch Wagners Vorspiel zu Lohengrin – keine Frage, ob auch konzertant publikumswirksam! Doch die Ouvertüre zu Isabella ist in einem Neujahrskonzert fehl am Platz!

    Ad 7)  Josef Strauss, Perlen der Liebe. Schade um die Hinrichtung dieser genialen Komposition durch das Staatsballett! Miserabel schlechte Choreographie! Schreckliches Hopsen, dazu noch schlecht synchronisiert oder aufgenommen! Der Choreographie fehlt vor allem das Schwingen eines Walzers. Leider fehlt es daran teilweise auch an der Interpretation dieses Konzertwalzers. Liegt es an der Aufnahmesituation vor dem Neujahrskonzert??

    Ad 9)  Eduard Strauss, Auf und davon. Gut und absolut zur Musik getanzt! Das abgeschmackte Fangnetz sollte seit Offenbachs Orpheus eigentlich unnötig sein!

    Ad 10)  Josef Strauss, Heiterer Muth. Grauenhaftes Chorarrangement! Der unsinnige Text kaum zu verstehen – vielleicht sogar besser so!

    Ad 12)  Josef Strauss, Zeisserln. Der Beginn des ersten Walzers zitiert die Österreichische Hymne, „Gott erhalte“, mit dem charakteristischen stufenweisen Melodieanstieg im zweistimmigen Satz, bei dem die Unterstimme zur Melodie die Intervallfolge Sext-Quint-Terz bildet. Die Walzerbegleitung setzt aus. Bei diesem Neujahrskonzert großartig zu Gehör gebracht, wenngleich wohl weder Orchester noch Dirigent das Zitat erkannt hatten! Genau so zitiert hatte es Bruder Johann zuvor in den Walzern Wahlstimmen anlassbezogen vorgezeigt, erstaufgeführt beim Juristenball am 28. Jänner 1861. Warum Josefs Walzer nicht anlässlich der Geburtstagsfeier von Kaiser Franz Joseph I. am 18. August 1861 in der „Neuen Welt“ in Hietzing aufgeführt wurden, sondern erst am 25. August in „Ungers Casino“ in Hernals bleibe vorerst dahingestellt. – Warum kein Thema für die Moderation? Natürlich aus Unwissenheit – aber nur eine halbe Minute Zeit beanspruchend!

    Ad 13)  Joseph Hellmesberger (Sohn), Glocken-Polka und Galopp. Eine unbedeutende Komposition eines relativ unbedeutenden Komponisten, der Anleihe bei der Pizzicato-Polka von Johann Strauss (Sohn) nimmt, was in der Moderation leider ebenfalls nicht vermittelt wird.

    Ad 14)  Josef Strauss, Allegro fantastique. Die in Pawlowsk erfolgte Orchestrierung nach einem frühen Klavierstück des Komponisten ist problematisch: Umso mehr müsste bei der Interpretation Obsorge walten, dass z. B. das Piccolo das 1. Fagott nicht zudeckt etc. etc. Ansonsten eine großartige Aufführung dieses Bravourstücks für Orchester!

    Zugaben:

    Ad 1)  Johann Strauss (Sohn), Banditen-Galopp. Auftakt beim zweiten Polka-Thema nicht immer deutlich, mitunter nicht vorhanden, stattdessen nur isolierter Akzent auf dem vierten Achtel, was das Thema entstellt.

    Ad 2)  Johann Strauss (Sohn), An der schönen, blauen Donau. Positiv zu vermerken – keine willkürliche Dehnung des D-Dur-Dreiklangs in der Introduktion und im ersten Walzer! – Man hätte Josef Weyls Text der Uraufführung choreographieren können!!! Vom Ballett gezeigt leider nur sinnentleertes Herumlaufen und Hopsen. Welches Glück, dass es Stiegenhäuser gibt, somit müssen der Einfallslosigkeit des Choreographen keine Grenzen gesetzt sein …

    Ad 3)  Johann Strauss (Vater), Radetzky-Marsch. Das „neue Arrangement der Wiener Philharmoniker“ – von wem erstellt, ist mir bekannt – es ist nicht besser als jenes des dem NS-Regime nahestehenden Herrn Weninger! Schade!!! Die faszinierende Urfassung ist seit 2004 bekannt und im Handel erhältlich. Prof. Dr. Eduard Strauss hat dem Vorstand der Wiener Philharmoniker, Herrn Daniel Froschauer, ein Exemplar der Partitur geschenkt. Stimmen sind im Handel erhältlich. Müssten halt ein paar Philharmoniker pausieren und liebgewonnener Schmarren endlich abgelegt werden! Übrigens, das so beliebte „Einschlagen“ der Kleinen Trommel ist in den vier Einleitungstakten doch auskomponiert – also unnötig und durch keine Quelle belegbar!

    Prof. Norbert Rubey