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    von Dr. Eduard Strauss

    „Cervantes“ oder „Das Spitzentuch der Königin“

    Bericht

    In dem dank der großzügigen Förderung durch die FME (Stiftung Marion Ehrhardt; Sintra) sehr schön, umfangreich, und aufwendig gestalteten Programmheft zu der konzertanten Aufführung der Operette (Cervantes oder) „Das Spitzentuch der Königin“ von Johann Strauss Sohn am 26.6.2006 im Landestheater Coburg gibt Ralph Braun über seine Deutung des Werks folgende Auskunft:

    „Mein Ziel war es, eine belegbare Deutung zu erarbeiten, die alle Elemente des Werkes in einem sinnvollen Zusammenhang und logischen Ablauf zeigt. Die am 1. Oktober 1880 am Theater an der Wien uraufgeführte Operette Das Spitzentuch der Königin erzählt eine fast märchenhafte, fiktive Geschichte über einen durch seinen arglistigen Vormund zur Regierungsunfähigkeit erzogenen minderjährigen portugiesischen König. Hierdurch ist dieser auch bindungs¬unfähig geworden. So können keine Nachkommen entstehen. Die Dynastie droht auszusterben. Der Vormund (Premier) will Portugal an Spanien ausliefern. Hiermit würde die portugiesische Nation untergehen. (Über viele Jahrhunderte gin¬gen derartige Bestrebungen tatsächlich von Spanien aus).
    Der vor seinen Verfolgern nach Portugal geflohene spanische Dichter Cer¬vantes will dem König helfen, diesen aus dessen hoffnungslos erscheinenden Problematik zu befreien. Mit seiner Intelligenz, seiner Sprache und seinem Mut gelingt es ihm im Verlaufe des Werkes, den durch die Erkenntnis des Narren nun geheilten König an die Macht zu führen und mit der Königin zu versöhnen. Die Verschwörer werden des Landes verwiesen. Das Werk endet versöhnlich und optimistisch.
    Die Operette erörtert die Frage, welche Voraussetzungen der Mensch für eine Gesellschaft mit- und in sie einbringen muss, damit diese blüht und stark wird und er selbst in dieser ein sinnerfülltes und glückliches Leben führen kann. Dieses wird insbesondere in den einzelnen Gesangsstücken humorvoll durch¬gespielt. Der Zuschauer kann amüsiert und durch die Musik bewegt reflektieren.
    Die Handlung fußt vordergründig auf König Sebastian I. von Portugal (1554 -1578) und ermöglicht zugleich, wie als dramaturgisches Mittel seit Jahrhun¬derten üblich, eine assoziierende Betrachtung auf die zur Zeit der Urauf¬führung bereits bedenkliche Situation des damals 22jährigen liberalen öster¬reichischen Thronfolgers, Kronprinz Rudolf (1858 -1889, Sohn von Kaiser Franz Joseph I. und seiner Frau Elisabeth, „Sisi“ (richtig wohl „Lisi“); 1889 gemeinsamer Tod in Mayerling zusammen mit seiner minderjährigen Geliebten Mary Vetsera).
    Die 1878 vom Kronprinzen verfasste und in München anonym erschienene Schrift ‚Der Oesterreichische Adel und sein constitutioneller Beruf. Mahnruf an die aristokratische Jugend. Von einem Österreicher’ hatte in Wien einen Skandal verursacht. Der in den Augen des erzkonservativen Kaiserhauses revolutionäre Ansichten vertretende Kronprinz wurde poli¬tisch isoliert und durch den nach Rudolfs Volljährigkeit vom Hof eingesetzten Oberst¬hofmeister zu einem leichtsinnigen Leben angeregt.
    Wohl aufgrund der Zensur, die eine Thematisierung geschweige denn kritische Betrachtung des Habsburger Hauses untersagte, sind leider diese und ähnliche an sich treffende Anspielungen als solche im Werk so versteckt, dass sie sich erst bei genauerer Betrachtung offenbaren. (Im Programmheft belegt!)
    Ein junger König und der kaiserliche Kronprinz aus dem Habsburger Haus – beide im Abstand von 300 Jahren ohne elterliche Wärme und Liebe aufgewachsen – wurden im Einsatz für die durch ihre Erziehung begründeten Ideale zum Wohle ihrer Völker zu Opfern. Mit ihrem Tod war letztendlich jeweils das Ende der Welt- bzw. Großmachtstellung ihrer Reiche verbunden.“

    Das Publikum im gut gefüllten Landestheater erlebte eine hervorragende Aufführung, die (so der renommierte Coburger Musikkritiker Rudolf Potyra in der dortigen „Neuen Presse“) keinen Wunsch – außer dem nach einer szenischen Darstellung – offen ließ. Damit sprach er vielen der Anwesenden aus dem Herzen!

    Auf die musikalische Umsetzung im Werk ging Ralph Braun in seinem hochinteressanten Vortrag „Die Musik als Schlüssel zu Strauss unbekannten Operetten und sich daraus ergebende Möglichkeiten für Deutung und Darstellung“ am 27. Juni 2006 in der Aula des Gymnasium Casimirianum ein.