Johann Strauss (Sohn, * 25.10.1825, † 03.06.1899)
Als im April 1843 in Wien der Komponist und Musikdirektor Joseph Lanner stirbt, und im unterhaltenden Musikleben der Stadt eine beträchtliche Lücke entsteht, sieht Anna Strauss die Chance für ihren Sohn Johann diese auszufüllen, und selbst unabhängig von ihrem die Ehe brechenden Gemahl zu werden. Johann Sohn beendet die Ausbildung am Polytechnischen Institut und nimmt Unterricht im Generalbass bei Joseph Drechsler, einem anerkannten Musiktheoretiker, Theaterkapellmeister und Kirchenmusiker. Bei Anton Kohlmann, einem Violinisten des Wiener Hofopernorchesters, verbessert er sein Geigenspiel. Beide Lehrer bescheinigen ihm Talent, schränken jedoch ein, dass er noch nicht vollkommen ausgebildet ist.
Zu Beginn von Strauss’ Karriere wird in der Öffentlichkeit eine Erwartungshaltung geweckt, die der junge Musiker bei seinem damaligen Ausbildungsstand noch nicht allein erfüllen kann. Niemand darf wissen, dass ihm Johann Proksch, ein erfahrener Musiker aus dem Orchester des Vaters, kompositorisch zur Seite steht. Ebenso verhält es sich, als Strauss ins Operettenfach wechselt und der Komponist und erfahrene Theater-Kapellmeister Richard Genée bei den ersten neun Werken musikalischer Geburtshelfer ist.
„Es musste einem was einfallen.“ Für den Fall, dass der Einfall ausbleibt, werden Sammlungen von Melodien angelegt, die bei Bedarf aushelfen. Um den Überblick zu behalten, streicht er Melodien durch, sobald er sie in einer seiner Kompositionen verwendet.
Johann Strauss (Sohn) schaut es seinem Vater ab, wie das Musik- und Veranstaltungsgeschäft zu betreiben ist, wie dieser es entwickelte: von der Zusammenarbeit mit den Verlegern, über Verträge mit den Etablissements bis zur Pflege guter Beziehungen zur Presse und den wichtigsten Adressen im Land. Und er erkennt auch: Gezielte Widmungen und Wohltätigkeit öffnen Tür und Tor zu Erfolg und Aufstieg. Abgesehen davon, bringen sie Lob, Auszeichnungen und Orden mit sich. Aktuelle Ereignisse aus allen Bereichen des Lebens werden aufgegriffen und musikalisch kommentiert, oder sie finden zumindest im Titel der Kompositionen ihren Niederschlag. Seine Werke sind nicht nur ein Spiegel des Wiener Zeitgeschehens. Ereignisse, Erfindungen und Themen aus der ganzen Welt finden sich in Strauss’ Werktiteln oder Musikzitaten wieder.
Das hungrige Publikum verlangt ständig nach neuen Kompositionen von Strauss. Zeit seines Lebens schafft er ca. 600 Werke an Tanzmusik und Märschen, 15 Operetten, eine Oper und ein Ballett.
Die ihn umgebenden Frauen sind wichtig für sein Leben und Schaffen. Nachdem er eine bereits geplante Hochzeit mit der russischen Kaufmannstochter Maria Fränkel im letzten Moment platzen lässt, scheitert die Liebesbeziehung mit der russischen Aristokratin und Amateurkomponistin Olga Smirnitskaja am Veto ihrer Eltern.
Letztendlich heiratet Strauss dreimal, bleibt aber kinderlos.
Geliebte, Haushälterin, Sekretärin und Mutterersatz ist die sieben Jahre ältere Jetty für Johann. Sie begleitet ihn auf all seinen Konzertreisen, sogar auf jenen nach Pawlowsk und Boston. 1878 stirbt sie an den Folgen eines Schlaganfalls.
Bereits sieben Wochen später heiratet Johann die um 25 Jahre jüngere Schauspielerin Angelika Dittrich, genannt „Lili“. Sie ist zunehmend auf ihre Karriere als Schauspielerin bedacht, zieht 1882 zu Franz Steiner, dem Direktor des Theaters an der Wien – es kommt zur Scheidung.
Strauss tröstet sich mit der 31 Jahre jüngeren Witwe Adele. Um sie heiraten zu können, tritt er aus dem österreichischen Staatsverband aus und wird Bürger von Sachsen-Coburg und Gotha, wo ihm Herzog Ernst II. die Wiederverheiratung 1887 in Coburg ermöglicht. Er wechselt auch vom katholischen zum protestantischen Glauben. Die Ehe verläuft harmonisch. Adele sorgt für ihren Gatten und den Haushalt, erledigt Korrespondenz und führt ein gastliches Haus.
Nach Strauss’ Ableben erweist sie sich als geschäftstüchtige Nachlassverwalterin und vermarktet sein Werk. Unmittelbar nach seinem Tod stellt sie die Weichen zur Entstehung der Operette Wiener Blut.
Prof. Norbert Rubey