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  • Strauss/Strauẞ
    von Dr. Eduard Strauss

    Strauẞ oder Strauss?

    Die Schreibweise des Familiennamens der Wiener Strauss-Dynastie ist offenbar Gegenstand heftiger Diskussionen und häufiger Fragen. Daher eine Aufklärung:
    Johann Strauss Vater und Sohn unterschrieben sich mit zwei „s“, die in der damals gebräuchlichen geschriebenen (Kurrent-)Schrift oft mit zwei verschiedenen Zeichen geschrieben wurden:

    Josef Strauss unterschrieb sich allerdings meist mit „ss“.

    und wurde auch so geschrieben:

    Auf den meisten historischen Plakaten und auf den meisten (Erst)-Druckausgaben der Kompositionen der Musiker der Familie findet man die Schreibweise Strauss. Das manchmal verwendete Argument, dass da wohl in manchen Setzkästen der Drucker das „ß“ fehlte erscheint mir lächerlich!

    Auf allen von der Familie beeinflussten Grabinschriften auf den Ehrengräbern des Wiener Zentralfriedhofs wird der Name mit ss geschrieben! Gleiches gilt von den Grabinschriften der Familiengräber auf dem Friedhof in Grinzing.

    Beim Grab in Hietzing ist die Schreibweise der alten Schreibschrift beibehalten:

    Mein Urgroßvater Eduard Strauss (unter)schrieb sich zwar als einziger (!) mit „ß“, ließ aber den Schreiber seines über 100 Seiten starken Testaments im Fließtext in moderner Schrift Strauss schreiben!

    Johann Strauss III. (1866 – 1939; siehe Stammbaum) (unter)schrieb sich mit „ss“:

    Spätestens ab der Generation meines Vaters Eduard Strauss (1910 -1969; siehe Stammbaum) wird unser Familienname in allen amtlichen Urkunden mit „ss“ geschrieben; und zwar sowohl in den handschriftlichen als auch in den druckschriftlichen Ausführungen.

    Das Argument, dass dies daran gelegen haben kann, dass manche Schreibmaschinen anfangs keine „ß-Type“ hatten erscheint mir auch sehr fragwürdig.
    Mein Vater hat immer auf die Schreibung unsres Namens mit „ss“ Wert gelegt. Ich bin auch mit den Nachkommen nach Josef Strauss einig, dass wir den Namen unserer Familie Strauss schreiben wollten und wollen!
    Ich besitze aber auch einen handschriftlich ausgefüllten Geburts- und Taufschein meines Vaters mit den erwähnten zwei Zeichen am Ende des Namens Strauss!

    Was hat es nun mit diesem Zeichen

    auf sich:
    Dr. Michael Lorenz teilte uns dazu Folgendes mit:
    Das h-förmige Zeichen das in der Schreibschrift, aber auch in älteren Druckschriften – siehe unten – vor dem s steht ist kein „langes S“, sondern das alte Duplikationszeichen der Kurrentschrift, das vor den Konsonanten s, aber auch m, n und l verwendet werden konnte. Im späten 19. Jhdt. sei dieses Zeichen – so Lorenz – schon in Vergessenheit geraten, was zu vielen falschen Namenstranskriptionen (wie z.B. “Weihs”, “Muhm”, “Niehsner” etc.) geführt habe. In Leopold Mozarts Briefen komme dieses Verdopplungszeichen oft vor und sei in der Edition auch immer falsch transkribiert (“genohmen” statt “genommen”), weil die Herausgeber keine Schriftexperten gewesen seien.
    Lorenz lieferte uns ein paar Beispiele:
    Aus dem Jahr 1768:

    „allenfalls“ (Verdopplungszeichen vor dem zweiten „l“)

    “gleichfalls” (Verdopplungszeichen bei „falls““)
    F. J. Freystädtlers Schreibung des Worts “Massa” im Jahr 1819:

    Die Signatur des Erfinders Ignaz Meissner von 1832:

    Die beiden Zeichen seien kein „scharfes S“, sie seien nur als solches missverstanden worden!

    Hier ein Beweis für diese These aus der Druckschrift:

    Auf dem Titelblatt der Klavierausgabe des Walzers “Das Leben ein Tanz oder Der Tanz ein Leben” von Johann Strauss Vater aus dem Jahr 1831 findet sich in Druckschrift der Vermerk, dass Tobias Haslinger am Graben Sparkasse Nr 572 situiert ist. Im Wort Sparkasse wird das Verdopplungszeichen verwendet. Niemand hat je Sparkasse mit ß geschrieben!
    Aber ich habe weiter geforscht.
    In einem „Nahmenbüchlein für Stadtschulen in den kaiserl. königl. Staaten“ aus 1798 in der Österreichischen Nationalbibliothek fand ich (im Internet) zum Beispiel folgende Seite abgedruckt:

    Hier ist das doppelschleifige Zeichen eindeutig „nur“ ein einfaches „S“!
    Im Internet fand ich auch:
    Prof. Dr. Herbert E. Brekles, (Lehrstuhl für Allgemeine Sprachwissenschaft, Universität Regensburg) aufschlussreichen Aufsatz Zur handschriftlichen und typographischen Geschichte der Buchstabenligatur ß* aus gotisch-deutschen und humanistisch-italienischen Kontexten
    Seine Thesen (grob zusammengefasst, soweit ich sie verstehe):

    • Es gibt die „Pseudoligatur“ (langes + Haken) der Form nach aus hochmittelalterlichem Fundus von Abbreviaturen (überwiegend in lateinischen Texten)
    • Spätestens im 14. Jahrhundert geschieht aufgrund von Missverständnissen oder bewusst ein Funktionswechsel: die Abbreviaturfunktion wurde ersetzt durch die Funktion mit diesem Zeichen den stimmlosen s-Laut zu repräsentieren!
    • In Kenntnis (oder auch nicht) der Abbreviatur „ß“ wurde zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Es-Zett-Ligatur kreiiert und repräsentierte den stimmlosen s-Laut. Schriftmorphologisch ist die Form des z mit Unterlänge einfach durch Umbiegung des unteren Horizontalstrichs der z-Form nach unten zu erklären.
    • Generell kommt handschriftlich und druckschriftlich die ß-Ligatur kursivschriftlich bis zum Ende des 17.Jh.s alternativ zu ss-Schreibungen vor; sie erscheint also in freier kalligraphischer bzw. typographischer Variation und besitzt deshalb keinerlei orthographische Funktion!
    • In der “lateinischen” Alltagshandschrift des 17. und 18.Jh.s in Frankreich, England und eingeschränkt – auch in Deutschland erscheint die Ligaturform als Äquivalent zu ß. Dabei wird das lange in miteinander vertikal verbundene Schleifen umgeformt (wohl vor allem, um einen luftlinienfreien Anschluss an vorhergehende Buchstabenformen zu ermöglichen). Allein in Deutschland blieb auch noch im 19. und 20.Jh. hand- und druckschriftlich in der Fraktur- bzw. deutschen Kurrentschrift das lange und das Es-Zett erhalten; in die Antiquaschrift wurde schließlich nur noch das ß entsprechend den orthographischen Konventionen der Frakturschrift übernommen!

    Druckschriftlich:
    Die erste Kursivantiqua im typographischen Modus wurde von Francesco Griffo da Bologna, dem Schriftschneider des berühmten Druckers und Verlegers Aldus Manutius, um 1500 in Venedig geschaffen. Sie zeigt – wie ihre handschriftlichen Vorbilder – lediglich den Typus einer -Ligatur, jedoch kein ß.

    Wesentlich sind in diesem Zusammenhang noch die beiden Germanisten:
    Johann Christoph Adelung 1732 – 1806 und
    Johann Christian August Heyse 1764 – 1829

    Gemäß Adelung wird ß geschrieben

    • nach einem gedehnten Vocal oder Diphthongen und
    • am Ende einer Sylbe oder vor einem Consonanten (also auch am Wortende und vor der Wortfuge).

    Die heysesche s-Schreibung unterscheidet sich dadurch von der adelungschen, dass die zweite Bedingung nicht gilt!

    Fraktur nach Adelung daher: Waſſerschloſʒ Floſʒ Paſʒſtraſʒe Maſʒſtab Hauseſel
    Fraktur nach Heyse: Waſſerschloſs Floſʒ Paſsſtraſʒe Maſʒſtab, Hauseſel
    Antiqua 20. Jh. nach Adelung: Wasserschloß Floß Paßstraße Maßstab Hausesel
    Antiqua 21. Jh. nach Heyse: Wasserschloss Floß Passstraße, Pass-Straße Maßstab Hausesel

    Zunächst fand die heysesche s-Schreibung keine große Verbreitung. Die Richtlinien für preußische und für bayerische Schulen folgten der adelungschen s-Schreibung.
    1879 wurde die heysesche s-Schreibung an österreichischen Schulen sehr wohl als Rechtschreibregel eingeführt. Von den meisten österreichischen Zeitungen aber nicht angewandt.

    1901 wurde die heysesche s-Schreibung auf der II. Orthographischen Konferenz aufgegeben. Stattdessen wurde auch an österreichischen Schulen die adelungsche s-Schreibung eingeführt.
    Es ist daher kein Wunder, dass viele von uns in der Schule gelernt haben, dass man Strauß mit „ß“ schreibt!
    Bei der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 wurde die heysesche s-Schreibung zur Schreibregel erhoben. Sie gilt nun auch in Österreich uneingeschränkt!
    Wir schreiben daher amtlich natürlich zB dass und nicht mehr daß! Auch hier gibt es standhafte Verweigerer alles Neuen!

    Eigennamen bleiben aber sowieso unverändert!

    Aber das alles ist sowieso ein falscher Ansatz!

    Es kann nicht sein, dass die Schreibweise des offenbar identitätsstiftenden Namens einer Familie davon abhängt, welche Schrift sie gerade benutz(t)e (zB die Kurrentschrift) und wie diese Schrift allenfalls lokal unterschiedlich in eine andere Schrift (Druckschrift) transliteriert wurde oder wird!

    Wesentlich darf doch nur sein, wie sich die Familienmitglieder schreiben ließen, schreiben wollten und immer noch wollen!!!

    Dass “man” meine Familie mit “ß” und Richard Strauss mit “ss” schreibt – woran sich im Übrigen aus schrifttheoretischen Gründen niemand stößt – mag eine liebgewordene und zur Unterscheidung der Komponisten praktische Tradition sein! Sie stellt aber keine ausreichende wissenschaftlich tragfähige Begründung für eine Schreibweise dar! Auch dass wir das “immer schon so gemacht haben” ist kein tragfähiges Argument! Würden wir Richard Strauß schreiben, wenn er sich in Kurrentschrift unterschrieben hätte? Wohl nicht!

    Es gibt übrigens auch Nachweise, dass der Vater von Richard Strauss, Franz Strauss mit ß geschrieben wurde:

    vgl. etwa https://books.google.de/books?id=ax9FAAAAcAAJ&pg=PA708&dq=Franz+Strau%C3%9F#v=onepage&q=Franz%20Strau%C3%9F&f=false

    Wenn die Familie Habsburg etwa sagt/schreibt, sie möchte Habsburg geschrieben werden – auch wenn sich irgendein wichtiger Vorfahre Hapsburg schrieb – wird das allgemein akzeptiert.

    Wieso gilt das nicht bei uns?

    Wir wissen, wie wir uns in allen Generationen schreiben (lassen wollen)! Ich darf also sehr darum bitten!

    Die Strauss-Gesellschaften und -vereine in aller Welt bedienen sich auch wegen der internationalen Lesbarkeit sowieso schon längst der Schreibweise Strauss.