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  • Nachlese 2019
    von Prof. Norbert Rubey

    Bericht 2019

    „Zur Geburt der Wiener Operette: Musikalische und historische Wurzeln.

    Heute – Reminiszenz oder Aktualität?“

     

    Die Wiener Operette entwickelte sich als Gegenpol zur Offenbach-Rezeption in Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wesentliche Gestaltungsmerkmale von Offenbachs Werken, komponiert für ein Pariser Publikum, sind Parodie, Satire und Groteske, gewürzt mit einem Schuss prickelnder Erotik bis hin zu Frivolität.

     

    Wiewohl in Wien zunächst gut angenommen, fanden diese Ingredienzien auf Dauer nicht die Zustimmung von Publikum und Presse. Zwar bewegten sich die ersten Wiener Erzeugnisse im Fahrwasser Offenbachs, doch verlangten die Wiener bald nach einer aus ihrer Theatertradition heraus entwickelten eigenständigen Operette. Sich auf die Alt-Wiener Volkskomödie, das österreichisch-wienerische Singspiel und das Zaubermärchen besinnend, gegenüber dem „Fremden“ das „Vaterländische“ bevorzugend, den Wiener Walzer markant integrierend, dem mit der Gründerzeit aufstrebenden Großbürgertum Rechnung tragend, rauschte endlich mit der ersten Operette von Johann Strauss (Sohn), Indigo und die vierzig Räuber, Erleichterung durch den medialen Blätterwald: „Strauss ist ohne Wien ebenso undenkbar, als Wien ohne Strauss“ (Premierenkritik von Ludwig Speidel, in: „Fremden-Blatt“, 12. 2. 1871). Was die Öffentlichkeit nicht wusste, nicht erfahren durfte, Strauss musste nicht nur zur Bühnenkomposition mühsam überredet werden, sondern man stellte ihm auch einen Helfer zur Seite, nämlich Richard Genée.  Adolph Müller sen., Carl Binder zusammen mit Johann Nestroy, Franz von Suppè, Carl Millöcker und insbesondere Richard Genée waren Strauss’ bedeutendste Wegbereiter.

     

    Oft totgesagt, lebt die Gattung immer noch. Lässt sich damaliger Zeitbezug in unser heutiges Leben transferieren? Erscheinen Werktreue und Respekt vor der Intention der Autoren und deren Umsetzung erstrebenswert? Aus solchen Fragestellungen resultiert als ehrgeiziges Ziel, Operette zeitgemäß aber authentisch auf die Bühne zu bringen, – ein Vorhaben das ohne exzellente Kenntnis historischer Wurzeln und der Werke selbst nicht zu bewältigen ist. Wie manche exemplarische Aufführungen selbst in jüngster Vergangenheit jedoch zeigen, ist eine positive Beantwortung aller dieser Fragen möglich. Eine Erweiterung der Spielpläne erscheint wünschenswert. Doch die Welt blickt nach Wien, pilgert nach Österreich um hier Wiener Operette entstaubt und entschlackt vom Kitsch vergangener Jahrzehnte zu erleben. Alle Referenten setzten gut vorbereitet nachdenklich stimmende Impulse, aufrüttelnd sich der großen Verantwortung für dieses speziell Wiener Kulturerbe bewusst zu werden.

     

    Das Wiener Institut für Strauss-Forschung schätzt sich glücklich, mit den „Tanz-Signalen 2019“ das Thema „Wiener Operette“ auf universitärer Ebene vermitteln zu dürfen: Kooperations- und Veranstaltungspartner waren (alphabetisch) die Gesellschaft der Freunde der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien, die Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK), die mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, die Wienbibliothek im Rathaus. Darüber hinaus war die Universität Bayreuth (Univ.-Prof. Dr. Marion Linhardt) und die Universität Duisburg / Essen (Univ.-Prof. Dr. Norbert Linke) durch ausgewiesene Fachleute vertreten.

    Prof. Norbert Rubey